Zwei mal drei Traktat – Bildgestaltung (VI)

Was macht Imperfektion für die Bildgestaltung, für die Gestaltung des Lebens insgesamt so bedeutend? Diese Frage stelle ich mir immer wieder, nicht so sehr in Sachen Kunst, vielmehr bezogen auf das Leben. Dazu muss man sich als Menschenfotograf nur das Beziehungswesen zwischen Frau – Frau, Mann – Mann und Frau – Mann ansehen. Nicht selten stelle ich mir die Frage: „Wie können die beide nur zusammensein? Liebe ist es nicht, was man da praktiziert!“

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Komme ich gleich zur Sache: Es muss der Sex, also ein niederer Instinkt sein, der ein Paar zusammenhält. Denn reine Vernunft kann es nicht sein. Der Herr bekommt – außer Dummquatschen – nichts auf die Reihe, die Dame hält ihn permanent auf Trab oder ist einfach nur froh, ihre Dummstulle so selten wie möglich zu sehen. So etwas vermehrt sich, versetzt sich in einen staatlich förderungswürdigen Status und lebt sein Leben laut, chronisch unterfinanziert aber stressfrei.

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Frau sucht den Versorger. Er ist wahnsinnig dynamisch, hat eine eigene und vor allem gutgehende Firma. Sein Alter spielt eine untergeordnete Rolle, Hauptsache er ist zeugungsfähig. Ihr ist es bisher gelungen, noch nicht einmal den Kindergarten mit Erfolg abgeschlossen zu haben. Schul- und Klinikzeiten halten sich die Waage, erst das Spiel mit den weiblichen Reizen sorgt für ein seelisches Freidrehen. Den Rest besorgen Medikamente oder soziale Gleitmittel. Emanzipation und Gleichberechtigung sind Schlagworte aus der Vergangenheit, Frau braucht ihre Abhängigkeiten!

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Kunst als das altbewährte Symbol und Produkt. Nur Schönheit soll zu sehen sein, eine heile Welt für bequeme Köpfe. Vati geht zur Arbeit, Mutti bleibt zu Hause bei Kind und Herd, der im Schlafzimmer steht. Hauptsache für Vati gibt es den schönen Dr. Oetker-Pudding und alles ist gut. Moderne Gedanken ziehen nur dahingehend ein, dass Worte die neue Gewalt sind. Es wird jeder Krümel zum Keks groß diskutiert, obwohl schweigen angebracht wäre. Am Ende sacken alle völlig erschöpft zusammen und sind zufrieden mit ihrer beschissenen Welt. Denn das TV zeigt, es gibt Menschen, die sind viel blöder als ich und noch viel ärmer dran als wir.

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Frau braucht den Scheißkerl, den Macho, der zumindest für die Eroberungsphase jenes Handwerk beherrscht, das eigentlich überholt sein soll. Frau braucht die Negativwandlung der biblischen Story vom Saulus zum Paulus. Erinnert man das Weib an deren rosarote Weitsicht, wird man entweder exkommuniziert, zumindest jedoch disliked. Ungestraft darf die Kritik nicht im Raum stehen. Ein No-Go ist ebenfalls das Erwähnen häufiger Partnerwechsel. Mann, der Hirsch, darf das. Die Frau selbst sieht sich sofort als Schlampe. Auch hier steht die Ächtung als Strafe auf den Plan. Was zählt sind Emotionen im Schleudergang und gut pointierter Hochleistungssex. Zeit für Gefühle, für den Genuss und die innere Einkehr bleibt nicht. Es muss, der vielen anderen Banalitäten wegen, schnell gehen. Was langweilt wird kurzerhand ausgetauscht.

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Vorab stehen ein Wust wirrer Wortfetzen übelster Unterstellungen. Ich liebe, also lasse ich mir Zeit. Möchte ich ein Musikstück genießen, muss ich es von Anfang bis Ende hören. Will ich es im Kontext eines Werkes sehen, muss ich das gesamte Album hören. Da hilft kein schneller Vorlauf, ich brauche diese Zeit. Um ein Musikstück oder Werk zu genießen, bedarf ich – nicht immer – keines Textes. Oft genügt der Rhythmus, die Melodie, das Arrangement und die Stimme des Interpreten, dass ich von meinen Gefühlen ergriffen werden. Und ja, es darf auch etwas falsch sein, nicht harmonisch genug klingen. Es ist egal, denn genau dies macht die Sache sympathisch.

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Obwohl jeder alles schön und wahnsinnig harmonisch sehen will, schielen wir immer auf die Imperfektion des anderen. Makel bei anderen müssen sein, sonst geht es uns selbst nicht gut. In der Masse brauchen wir den Stein des Anstoß, das eklige Haar in der Suppe oder die Gräte im Fisch. Wir nehmen uns das Recht der Kritik heraus, der Kritisierte wiederum überführt uns des Neids. Es entsteht das bekannte Zwangsverhältnis, dass jede Reaktion eine Gegenreaktion hervorruft. Genau darin liegt der Antrieb. Gäbe es das ultimativ Schöne, wäre danach nie etwas Schöner tituliert worden. Die Spirale zeigt nach oben, stets und ständig. Unter uns der absolute Verfall, der jedoch wahnsinnig schön anzusehen ist.

Autor: Lichtbildprophet

Marvin F. ist Popstar, Großmeister und Genie des 'Fotounrealistischen Depressionismus'. Für seine kreativen Leistungen um das Lichtbild und Wort wurde ihm von der Kunst-Weltorganisation der Titel 'Das Held' und 'Lichtbildprophet' angetragen. Weitere Informationen zur Person Marvin F. entnehmen Sie bitte seiner Vita.