Zum Hundertsten

Hätte mir jemand gesagt, dass ich einmal irgendetwas getan hätte, ich täte es ihm nicht glauben, selbst wenn ich predige, jede Möglichkeit als machbar zu sehen: Erst das Leben muss einen den kräftigen Tritt in den eigenen Hintern geben um zu erkennen, dass man selbst wieder einmal mit dem Kauwerk schneller als mit dem Kopf war! Manche Fehler lassen sich einfach so korrigieren, andere auch mit etwas Glück und der Rest eben nicht. In den nächsten Tagen hoffe ich auf den mittleren Lösungsweg und gehe – hoffentlich – ein letztes Mal, aber mit Erfolg, einen beschwerlichen Weg!

Ein Blick weit weit zurück,
niedergeschrieben zum 1. November 2015!

Am 28. April diesen Jahres (redaktionelle Anmerkung 2015) fiel die Entscheidung: So wie bisher kann es nicht weitergehen! Seit Oktober 2014 habe ich jenen Zustand erreicht, den ich über Jahre herbeigesehnt habe. Mit eigener Hände Arbeit sollen meine Aufnahmen zu einem gegenständlichen Bild werden. Dieses Bild soll nicht im Median dessen entstehen, was heute in vielen Dunkelkammern als Standard prozessiert wird. Es geht mir um das Rechts und Links daneben.

Obwohl alle Technik, Dank Spenden, vorhanden war, klebte ich zunächst an der alten hybriden Technologie. Es war also kein Neuanfang, nichts Revolutionäres, eine typische Evolution mit dem Wissen um das rasche Ende der Selbigen. Auf Gedruckte Negative folgte das Lithprinting, was dem Durchtrennen der Nabelschnur gleich kam. Mehr und mehr traten Hybride in den Hintergrund, was nicht anders zu erwarten war. Allein schon meine Namensgebung – crossbreed (Kreuzung, Bastard, Promenadenmischung) – zeigt eine gewisse Distanz zu dieser Technik.

Es hat wenig damit zu tun, dass es den hybriden Workflow gibt. Er ist gut. Doch das Ergebnis war für mich unbefriedigend. Jemand anderes damit zu beauftragen: Mach aus meiner Vision ein Bild, ist so wie eine Frau zu lieben und diese von jemand anderes befriedigen zu lassen. Auch die Überlegung, mit hochwertiger Heim-Drucktechnik Bilder zum Gegenstand zu machen, ist letztendlich ein fauler wie bequemer Schritt. Je mehr die Dinge planbar sind, umso uninteressanter ist der Prozess für mich.

Je mehr Erfahrungen ich wieder abgerufen und neu hinzugewonnen habe, umso unzufriedener, wenn nicht sogar schamhaft verlegen, war ich von den alten Arbeiten. Das heisst nicht, dass alles Alte schlecht war. Vielmehr wurde mir der Betrug am Betrachter immer offensichtlicher, weshalb ich mich für den selbigen schämte. Ich habe ihm – dem Betrachter – eine Unvollendete als Meisterstück verkauft.

In den letzten Monaten ist man an mich herangetreten und hat mir gesagt, dass man die Zeiten der „alten Mausmalerei“ vermisst. Den Blog, das Tagebuch und vor allem seine Texte. Verständlich, wie ich finde: Ich mache euch den – verbalen – Deppen, pack noch ein paar provokanten Bildchen dazu und schon ist ein kostenloses Unterhaltungsprogramm fertig. Wie es mir dabei geht, was ich mir von den notorischen Nörglern anhören darf, welche Diskussionen ich führen darf, das spielt für den Unterhaltungsempfänger keine Rolle.

Der 28. April 2015 war ein Schritt zurück ins Schneckenhaus. Nicht der erste, vielleicht auch nicht der letzte. Weniger Worte, vielmehr ein Sammelsurium an Gedanken, die sich mir aus Situationen, beim Lesen oder Nachdenken ergeben. In den Notizen von iOS und Mac OS X festgehalten und so für mich jederzeit verfügbar. Qualifizierte Worte über Verfahren und Techniken gibt es nur noch gegen Bares. Ich bekomme nichts geschenkt und habe nichts zu verschenken.

Bewusst um die zunehmende Isolierung, die ich damit eingehe, hat meine Vorgehensweise auch unschätzbare Vorteile. Wer sich mir zuwendet, sei es als Model, Eleve in der Dunkelkammer und so weiter, der hat Interesse an dem was und wie ich es tue. Ich werde nicht mit Profanem belästigt, wo es nur um den Preis geht. Allein die Frage an den Hilfesuchenden, ob er wirklich weiss was ich tue, beendet Diskussionen respektive Verhandlungen. Ich muss nicht tun, was ich sonst tun müsste.

Der gespielte Eigenbrödler, die Figur verschafft mir Freiraum. Ich muss keine Pseudo-Diskussion darum führen, wie viele Regeln ich verletze, was ich falsch mache oder warum ich es tue. Was nach Wochen, Monaten oder teilweise auch nach Jahren entsteht, es ist einfach da und das in einer Form, die ich vor mir allein verantworten kann. Ich liebe das Spiel mit den Variationen, ich liebe das Spiel mit Fehlern und Effekten. Ich liebe die Zeitreise mittels Techniken. Alles zusammengenommen transferiert ein Motiv in andere Dimensionen, weckt eigene Gedanken des Betrachters. Und wenn mir das beim Ansehen meiner Arbeiten von Leuten kommuniziert wird, die mich bis dato nicht kannten, oder Leute sagen, dass sie ihr eigenes kreative Tun überdenken müssen: Was will ich mehr? Der Mensch hat seinen Kopf zum Denken, nicht zum Denken und Haare schneiden lassen.

Demnächst erscheint die 100ste Arbeit an dieser Stelle. Hundertmal etwas gezeigt, überwiegend Dunkelkammerarbeiten, was in 25 Quadratmetern irgendwo in Berlin-Marzahn entstanden ist. Es ist ein Moment, kein Memento, einen Dank an jene zu senden, die das Atelier ermöglicht, unterstützt und als Interessierte besucht haben. Der Dank gilt auch den Kritikern sowie denjenigen, die es in Konkurrenz zu ihrer eigenen Arbeit sehen. Letztgenannten Gedankengang kann ich zwar nicht verstehen, doch ich akzeptiere es.
Auf die nächsten 100 Arbeiten!

Ein Blick weit zurück,
niedergeschrieben zum 02. Januar 2016!

Es hat mehrere Anläufe gebraucht, dem Ritual des Jahresrückblicks und einer offensiven Prognose für das kommende Jahr nachzukommen. Irgendwie ist es der Herdenzwang, der mich immer wieder innerlich tritt, etwas Sinnloses über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu schreiben. Es sind nur Worte, deren Wahrheitsgehalt weder ich noch andere überprüfen können. Was zählt sind Fakten.

Für 2015 hatte ich mir einige Dinge vorgenommen. Doch kaum waren die Worten ins weltweite Netz posaunt, fand ich die Vorsätze blöd. Bedingt durch den Gedruckte Negative-Artikel ergaben sich andere Prioritäten. Quasi der Rattenschwanz des Themas ist das Lithprinting, was in dem Sinn zu verstehen ist, dass Gedruckte Negative bedingt durch das Druckraster als Strichentwicklung zu übertragen sind.

Lithprinting hat Suchtpotential, weshalb – vorerst – nicht an Pseudo-Solarisation im Positivprozess und dem Basteln mit Emulsionen zu denken war. Der Kupferbleicher für die Lith-Rückentwicklung hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Doch gerade sein Verhalten beim Bleichen war der Auslöser, mich doch mit Herrn Sabattier & Co. auseinanderzusetzen. Das Thema Emulsionen und selbstbeschichtete Papiere wurde von der To Do-Liste gestrichen. Die Pinselentwicklung liefert, zumindest was den Randeffekt betrifft, brauchbare wie auch einzigartige Ergebnisse. Nicht zu vergessen die lokale Einflussnahme auf die Entwicklung. Beides machen diese Form der Positiventwicklung einzigartig, jedenfalls für mich.

Jetzt, wo ich fast anderthalb Jahre ausschließlich an Positiven gearbeitet habe, steht mir der Sinn 2016 wieder mehr zur Kamera zu greifen: Lichtmalerei im Atelier, vielleicht auch das eine oder andere „saubere“ Bild machen, doch viel mehr habe ich Lust die modifizierte Recesky TLR, die Lomo Konstruktor und/oder die Holga Lens auszuführen. Mir ist nach mehr Unschärfe, fehlende Details und non-super abgestufte Grauwerte. Diese Aufnahmen sind von der Aufzeichnung bis zur Umsetzung in der Dunkelkammer eine Herausforderung.

Herausforderung, das ist das Zauberwort für 2016: Ich finde es langweilig Standardprozedere durchzuziehen. Am Ende entsteht etwas Reproduzierbares, was ich nicht möchte. Stattdessen mit abgestandenen Entwicklern zu hantieren, mit deren Hilfe sich Ergebnisse nicht vorhersehen lassen und ich Dinge tun muss, die jedes Lehrbuch verbietet, darin sehe ich mich gefordert. Solche Ergebnisse sind einzigartig, in der endgültigen Form kaum noch einmal genau so herzustellen. Jeder Schritt will doppelt und dreifach überlegt werden, kann er doch zur Zerstörung führen. Und selbst darin lässt sich etwas spezielles wie einmaliges erkennen, wenn man dazu bereit ist.

Zwei Dinge aus dem Jahre 2015 waren prägend, weshalb ich die Idee dahinter im kommenden Jahr weiterverfolgen möchte. Beim Betrachten der Arbeiten zur Ausstellung Handarbeiten – es wurden ausschließlich Originale gezeigt – hat eine Fotografin Zweifel geäußert, ob sie jemals wieder ausstellen möchte. Die weibliche Gefühlswallung außen vor gelassen, fand ich die Aussage dahingehend bemerkenswert, dass diese kleinen Originale derart positiv aufgenommen wurden. Immerhin muss man sich Mühe geben und Zeit nehmen, sie gedanklich auseinander zu nehmen. Es war sogar von einer visuellen Form der Zeitreise die Rede.

Der für mich wohl wichtigste Satz des Jahres war, dass eine vergrößerte Reproduktion auf Leinwand gedruckt, deutlich wirkungsvoller und beeindruckender empfunden wurde als das Original in der Größe 18 x 24 cm. In der Tat hatte das Unvollkommene durch die Vergrößerung so etwas wie eine dritte Dimension erhalten. Ich werde diesen Gedanken aufnehmen, entsprechende Proben erstellen und diese Arbeiten auf verschiedene Materialien vergrößern lassen. Doch mehr möchte ich nicht vorausdenken, denn es kommt – zumindest was die Hälfte der Ziele angeht – sowieso anders als geplant.

In dem Sinne ein – vor allem – gesundes Jahr 2016 gewünscht!

Ein Blick,
niedergeschrieben im Heute!

Schnell zeigt sich, dass 2016 ein – wirklich – besonderes Jahr werden wird. Es wird so besonders, dass man es nur seinem ärgsten Feind wünscht. Also wer war der Scheißkerl, wer war die Schlampe? Anfang April herrscht Gewissheit und ich möchte nicht undankbar sein: Wenigstens habe ich Glück mit etwas belegt (heimgesucht?) worden zu sein, wo die Prognosen bei über 90% Erfolg liegen. Einen Monat später beginnt die Therapie, erst stationär, dann in einer ambulanten Therapie fortgeführt. In den Wochen und Monaten gab es nicht viel Raum groß über mein „Leid“ beziehungsweise „Schicksal“ nachzudenken. Alles ist ein fließender Prozess und ich stecke mittendrin! Egal wie er ausgeht, ich habe noch etwas zu erledigen!

Mitte 2015, es ist die Vernissage zu den „Handarbeiten“, waschen mir mein Busenkumpel und seine Angetraute den Kopf. Es geht um meine Ablehnung der eigenen digitalen Arbeiten. Innerlich von den Dunkelkammerarbeiten berauscht, spreche ich dem digitalen Zeug seine Daseinsberechtigung als echte Kunst ab. Für mich handelt es sich hier um einen kreativen Coitus interruptus, um nichts Ganzes und nichts Halbes. In Wochen und Monaten der inneren Einkehr revidiere ich meine Haltung: Ich schöpfe analog, digital und hybrid. Egal wie sehr mir im Moment die analoge Handarbeit Spaß bereitet und mich vor allem fordert, das digitale und hybride Mausgeklicke tat es irgendwie auch und wird es auch wieder tun! Im Inneren sehe ich nur ein Problem: Die digitalen und hybriden Arbeiten verbinde ich mit (m)einem Alias (Mausmaler), die analogen Werke mit meinem realen Namen.

In Gedanken habe ich seit Monaten bereits eine Lösung im Kopf: Ich liebe den manisch-depressiven Marvin aus Per Anhalter durch die Galaxis, vor ein paar Jahren hörte ich den realen Nachnamen „Feinbube“ und war davon ebenfalls angetan. Die Kombination und ein „E“ weniger ergibt den neuen Alias. Und wo es schon um einen Wechsel geht, ziehe ich mit den Domains zu einem anderen Provider um. Ich bin Optimist und gehe davon aus, dass sich in jeder Hinsicht der Aufwand lohnt!

Morgen der hundertste Bildbeitrag, der zufällig in die Nähe meines letzten Zyklus fällt. Das letzte halbe Jahr war für mich ein persönlicher Ausnahmezustand. Die nächsten Monate werde ich Zeit und Kraft brauchen, wieder Tritt zu fassen und die „Nebenwirkungen“ der Therapie zu verarbeiten. Trotz allem habe ich so oft wie möglich versucht, auch Zeit im Atelier zu verbringen. Natürlich hatte sie eine andere Qualität, alles lief ruhiger und mehr „intuitiver“ ab. In der Zeit meldete sich auch jemand, der Gutes tun wollte. Für mich bedeutet das, dass ich trotz der aktuellen Einschränkungen fotografieren darf. Ich durfte und sage danke!

In der nunmehr zurückliegenden Zeit gibt es auch eine Ausstellung, an der ich indirekt beteiligt bin: Es werden Arbeiten ausgestellt, die im Rahmen des Offenen Ateliers entstanden sind. Das Leben ging und geht weiter, wenn auch nicht mehr so wie früher. Vielleicht wird es den Tag X geben, wo ich mir der Tragweite, der Last und Konsequenz dessen bewusst werde, was da um den April 2016 geschehen ist. Noch heute glaube ich, mich „nur“ in einem fließenden Prozess zu befinden, lasse kaum bis keine Emotionen zu. Ich glaube einfach fest daran, dass es sich um jenes prognostizierte Intermezzo handelt: Mit der Therapie investiere ich Zeit, die sich in mehr Zeit für mein Leben niederschlägt!

Insofern ist der heutige Blick zurück eine Vorschau. Alles auf Anfang, quasi zum dritten Mal in meinem Leben. Ich weiss, dass ich damit das sogenannte Glück vielleicht etwas überstrapaziert habe. Ich weiss, dass ich nach der Therapie etwas tun muss, auch Dankbarkeit und Demut zeigen sollte. Viele Weichen sind gestellt, nicht nur mich selbst zu feiern, sondern auch zu geben, ohne auf jeden Heller und Pfennig zu achten. Von meinem Ziel 75+ lasse ich mich nicht so ohne Weiteres abbringen. Sollen also noch viele weitere 100 Arbeiten folgen und der reale Typ hinter Marvin noch ein langes Leben leben dürfen!

Autor: Marvin F.

Marvin F. wuchs als Einzelkind in der Mitte eines Landes auf, dass es heute nicht mehr gibt. Er war Sonderschüler an der Waldorfschule und hat im Singen und Klatschen ein Sehr Gut ertanzt. Derart gut vorbereitet für das weitere Leben fühlt sich Marvin F. absolut berufen und wird Künstler. Zwar beginnt er ein Kunst- und Philosophiestudium, bricht es aber nach fünf Jahren im ersten Semester ab. Sein seelisch-schwerer Stil und die Art und Weise, wie dilettantisch er seine Bilder entwirft und letztlich zu Papier bringt, brachte ihm den Titel 'Meister des fotounrealistischen Depressionismus' ein. Auf seine Zukunft angesprochen, berichtet Marvin F. in einem Interview im April 2017, dass er ein Studium an der Wikipedia-Akademie aufgenommen hat und hofft in ein paar Jahren erfolgreich mit dem Bachelor of Wiki abschließen zu können.