Zu viele Warum’s für mein Kopf

Warum schneidest du deine Bilder unsauber, schief, nicht gerade? Warum die Entwicklung mit dem Pinsel? Warum spannst du den zu belichtenden Abzug nicht in einem Rahmen, dass das Papier sich nicht wölben kann? Warum nimmst du keinen frischen Entwickler? Warum zerstörst du deine Bilder? Warum achtest du nicht auf die Tonwerte? Warum machst du es nicht so und so? Warum sind da in deinem Blog Texte, die nichts mit Fotografie zu tun haben? Warum …?

Irgendwann waren mir es zu viele Warum’s? Immer wieder die Frage und der belehrende Zeigefinger, nur weil der Fragende zu faul ist, seine eigenen Gedanken zu denken. Er möchte von mir mit Fertignahrung versorgt werden, wohl temperiert und liebevoll mit kleinem Löffel gereicht. Nein Danke, darauf habe ich keinen Bock. Ich muss mir zu meinem Leben und meinen Bildern, die Teil meines Lebens sind, eigene Gedanken machen. Dasselbe darf ich von Denen verlangen, die sich – erfreulicherweise – erdreisten einen Blick zu werfen und sich zu Wort melden. Erst denken, dann schreiben.

Es gibt Lichtblicke, wenige aber immerhin. Manchmal höre ich von Betrachtern Worte, die wortwörtlich meiner Intention entsprechen. Sie klingen so, als hätte ich sie voller Inbrunst gesprochen. Irgendwie macht so etwas stolz darauf verstanden zu werden, andererseits ist es ein kleiner Angstmoment, ertappt worden zu sein. Da sind mir vage Annährungen an meine Absicht lieber. Allein des Schelms in mir wegen.

Nicht mit der Masse zu treiben hat den Nach- wie Vorteil, viel allein zu sein. Ich treffe auf wenig Gleichgesinnte. Doch die sich mir öffnen und ein Kontakt zugelassen wird, entpuppen sich als ein Ort der Liebe und Leidenschaft. Sie ist die Grundlage sich auf Dinge einzulassen, die nicht vorhersehbar sind. Sie ist Basis für den Respekt, den man sich gegenseitig entgegen bringt. Sie ermöglicht die Toleranz und Akzeptanz, die der jeweils andere dringend für sich benötigt.

Warum ist diese – meine – Kunst so wie sie ist? Wie heisst es so schön: Die besten Geschichten schreibt das Leben. Damit ist nicht gemeint, dass am Ende einer Geschichte aus dem eigenen Leben Friede, Freude und Eierkucken herrschen muss. Auch ein Trauerspiel mit Herzschmerz, bitterer Enttäuschung und abgewiesener Liebe kann eine beste Geschichte sein. Das Leben kann nicht nur aus einer Aneinanderreihung zahlloser Happyends bestehen. Dafür ist die Ausgangsbasis – der Mensch – viel zu fehleranfällig.

Mit dieser Erkenntnis, die sogar soweit reicht, dass ich selbst fehlerbehaftet bin, beging ich meinen zweiten Geburtstag. Mir war klar, dass ich nicht an der schönen heilen Welt weiter schrauben möchte wie bisher. Da wo Fehler sind, sollen Fehler zu sehen sein. Außerdem: Wer sagt, dass es sich um einen Fehler handelt, wenn es doch eher nach der Spur des Lebens aussieht? Wer erdreistet sich dem freien Geist Korsetts anzulegen, wenn er selbst sterblich und fehlerhaft ist?

Alles sieht nach dem Prinzip der permanenten Opposition, dem latenten Widerspruch aus. Dem widerspreche ich: Auch im Alter und seinen Spuren, dem Vergehen und Fehlerhaften liegt viel Schönheit. Wir müssen sie einfach nur so akzeptieren, wie sie sich uns präsentiert. Wir müssen Ideale überdenken, vor allem die falschen und übertriebenen Ideale! Und so kann sich aus jedem Normal und der Vorstellung des Gegenteils etwas Neues entstehen. Man muss nur zu dazu bereit sein.

Mein Handeln, wie es sich in meinem Bildern darstellt, ist sehr oft vom Gedanken an das Gegenteil geleitet:

Man sagt, ein Fotoabzug hält 100 Jahre. Das wäre also seine Lebenserwartung. Jetzt komme ich wie eine entartete Polymerzelle daher, brenne an, kratze herum, trete darauf oder schleife daran. Ich tue alles, um diese 100 Jahre zu verkürzen, egal ob der Abzug es möchte oder nicht. Wir Menschen haben eine visuell-sensitive Empfindlichkeit dafür entwickelt, wenn rechtwinklig nicht rechtwinklig ist oder gerade nicht gerade ist. Folglich lassen wir selten anderes zu, wo gegen es meinerseits anzukämpfen gilt. Alles gehört in ein Korsett, selbst Bilder. Dafür hat der Mensch das Passepartout-Unwesen geschaffen. Neben dem einengenden Rahmen zwingt es das Bild letztinstanzlich in eine formschöne Rechteckvariante. Jede Form der Kunst ist eng mit dem Leben verknüpft. Selbst wenn wir uns in der digitalen Welt bewegen, simulieren wir das analoge Leben, nur in der Form, wie wir es gerne für uns hätten. Erst wenn Bilder eine Brücke zwischen dem Leben des Fotografen und dem von ihm festgehaltenen wie auch gestalteten Moment schlagen, besteht für den Betrachter die Chance eine eigene Geschichte aus dem geschaffenen Bild zu entfernen. Zu meinem Leben gehört als jener nutzlose Schrott, mit dem sich Möchtegerne bis hin zum Betrüger in dasselbige einmischen wollen. Diese Versuche – Spam, Scam, Phishing, Hoax und Co. genannt – gehören genau deshalb in meine Fotografie und in diesen Blog, auch wenn ich das Zeug wahnsinnig gern vollständig ignorieren würde.

Und so weiter …

Fast jedes gefragte Warum ist eine Beleidigung meiner Person. Es spricht mir die Fähigkeit ab, bewusst zu handeln. Zugegeben: Manchmal tue ich Dinge, deren Konsequenzen ich nicht abschätzen kann. Das Ergebnis ist ein Überraschungsmoment. Doch lagen im Vorfeld irgendwelche Überlegungen, egal ob richtig oder falsch. Denn genauso ist das Leben auch. Nur viel schneller, wie ich heute feststellen muss.

Mittlerweile habe ich genauso viele Warum’s in meinem Kopf, die ich gerne fotografierenden Mitmenschen um die Ohren hauen möchte:

Warum tut jeder hyperaktive Fotograf heute neben dem Autor, Workshopleiter auch ein Kurator sein?
Warum tut jeder hyperaktive Fotograf heute sein eigenes Fotomagazin herausgeben?
Warum tut jeder hyperaktive Fotograf heute jeden lauen Furz in die Welt posaunen?
Warum tut …?

Bewusst habe ich mich statt eines muss für das tut entschieden. Es tut einfach weh solche Sätze zu lesen, genauso wie ich meine Schmerzen habe, die Ergebnisse dieser nutzlosen Hyperaktivität ansehen zu müssen. Sie ist das Produkt einer Schneller, Höher, Weiter-Mentalität, die endlich abgeschafft gehört, weil sie im Untergang endet. Sie ist der Tod der Kreativität, von solch hyperaktiven Leuten ad absurdum geführt, reden diese auch noch von der Entschleunigung.

Schaut man hinter die Kulissen dieser kurzlebigen Windeier, dann steckt darin viel Langeweile und dahinter viel Arbeit und wenig Mehrwert für alle Seiten. Für viel Geld werden wenige Vasallen bespaßt, die selbst getragene Slips im Leoparden-Look von ihrem Halbgott kaufen würden.

Ich möchte weder selbst Antwort geben auf eure Warum’s, noch stelle ich euch meine Fragen. Beide Seiten müssen nur schauen und Geduld haben. Entweder um den Inhalt einer Arbeit zu ergründen und sich seine eigenen Gedanken zu machen oder um zu schauen, wann die Hyperaktivität stillschweigend ein altes Projekt begräbt und man sich für die zahlenden Getreuen etwas Ganzganzneues ausgedacht hat.

Autor: Marvin F.

Marvin F. wuchs als Einzelkind in der Mitte eines Landes auf, dass es heute nicht mehr gibt. Er war Sonderschüler an der Waldorfschule und hat im Singen und Klatschen ein Sehr Gut ertanzt. Derart gut vorbereitet für das weitere Leben fühlt sich Marvin F. absolut berufen und wird Künstler. Zwar beginnt er ein Kunst- und Philosophiestudium, bricht es aber nach fünf Jahren im ersten Semester ab. Sein seelisch-schwerer Stil und die Art und Weise, wie dilettantisch er seine Bilder entwirft und letztlich zu Papier bringt, brachte ihm den Titel 'Meister des fotounrealistischen Depressionismus' ein. Auf seine Zukunft angesprochen, berichtet Marvin F. in einem Interview im April 2017, dass er ein Studium an der Wikipedia-Akademie aufgenommen hat und hofft in ein paar Jahren erfolgreich mit dem Bachelor of Wiki abschließen zu können.