Wenn ich groß bin, dann werd ich

Wenn ich groß bin, dann werd ich … ja was eigentlich? Es sollte auf alle Fälle was mit knipsen und tippsen zu tun haben. Studiert natürlich, um fett einen auf Macker und Poser zu machen. Bachelor of Knips & Tipps. Fehlt nur noch die Spezialisierung. Und genau da wird es jetzt schwierig.

Mit einem gesunden Selbstbewusstsein täte ich am liebsten den Wettbewerbsfotografen mimen. Also nicht mit anderen um die Wette knipsen. Eher mit meinen genialen wie einzigartigen Meisterwerken nicht nur an Fotowettbewerben teilnehmen, sondern sie auch mit großem Abstand zu gewinnen. Ich beginne nicht bei den Wettbewerben im örtlichen Fotoverein. Die Dilettanten haben doch keine Ahnung von hoher Kunst! Es sollen die großen internationalen Wettbewerbe sein. Bei mir wird nicht gekleckert.

Oder doch lieber Hochzeitsfotograf? Immer wieder dieselbe Leier: Ihr sollt euch lieben und ehren in guten wie in schlechten Zeiten! Kaum ist standesamtlich abgesegnet die Fessel angelegt, lässt Mutti nicht mehr mit sich handeln und Vati darf tun was sie will. Nein, das Trauerspiel möchte ich mir nicht tagtäglich antun.

Food-Fotograf! Als Sprachklops habe ich beim Hören immer das D für ein T gehalten. Zwangsläufig stellte ich mir die Frage, was das Besondere an der Fuß-Fotografie ist? Es kann sich nur um einen Fetisch mit Nylons und Zehe lutschen handeln. Ekelhaft! Auch nicht so mein Ding. Dann doch Food-Fotograf? Bin froh, gerade fünf Kilo abgelegt zu haben. Da möchte ich nicht den ganzen Tag mit Essen konfrontiert werden.

Anspruchsvoller Model-Fotograf? Geht nicht! Den Titel hat schon jemand in Beschlag genommen. Mir würden jeden Tag seine Meisterleistungen in den Kopf schießen und ich würde an Magengeschwüren zugrunde gehen. Der Karrieregedanke ist abgelehnt!

Prominenten-Fotograf! Jeden Tag mindestens ein neuer Star vor meiner Kamera und ich bin immer live dabei: Am roten Teppich, an einem Set irgendwo am anderen Ende der Welt, beim Gala-Empfang mit Häppchen-Reichung oder dem geheimen Puff-Besuch. Nein, als so eine arme Bockwurst möchte ich mich nicht verkaufen müssen. Gerne darf der A-Klasse-Promi an die Tür meines Ateliers klopfen und huldvoll um eine Ablichtung durch den Meister persönlich bitten.

Es sollte schon etwas mit vollkommen nackig fotografieren sein: Blanke Industriebauten, Blümchen ohne Klamotten an oder rasierte Haustiere. Das wäre eine absolut unbesetzte Marktlücke und vor allem ein breites Themenspektrum. Darauf lege ich Wert! Nur bitte keine barfüßige Menschen. Das bringt nur Ärger und rückt den ehrenwerten Knipser in ein falsches Licht.

Die Wahl des Genres und des bevorzugten Sujets ist für mich echt schwierig. Es muss konkurrenzlos einzigartig sein. Nur keine Mitbewerber. Wer auf den Zug aufspringt, der ist ein Nachahmer und Trittbrettfahrer ohne eigene Ideen. Stunt-Insekten beknipsen, zum Beispiel. Eine Salti schlagende fette Raupe, die sich todesmutig in dreißig Zentimeter Höhe von einem verkehrt herumfliegenden Spatz fangen lässt. Langzeitbelichtung mit Stroboskopblitz. Genial spektakulär und gab es bisher so noch nicht.

Wenn ich groß bin, dann werde ich Keksfotograf. Ich mag zwar keine Kekse, nur wenn sie zum Kalten Hund verwurstet wurden. Ein unschätzbarer Vorteil ist die Tatsache, dass ich unwiderlegbar was am Keks habe. Und: Der Keksfotograf ist eine absolute Marktlücke. Die großen Keksproduzenten der Erde dürfen meine Tätigkeit sponsern. Einmal im Jahr trete ich beim Firmenjubiläum im Keks-Kostüm auf und lobpreise die Vorzüge dieses einen Kekses. Keks in Low Key, High Key und Color Key meisterlich inszeniert. Jedes Jahr erscheint ein Fotobuch mit meinen neusten Keksfotos, gespickt mit intimen Geschichten rund um das Backwerk.

Autor: Marvin F.

Marvin F. wuchs als Einzelkind in der Mitte eines Landes auf, dass es heute nicht mehr gibt. Er war Sonderschüler an der Waldorfschule und hat im Singen und Klatschen ein Sehr Gut ertanzt. Derart gut vorbereitet für das weitere Leben fühlt sich Marvin F. absolut berufen und wird Künstler. Zwar beginnt er ein Kunst- und Philosophiestudium, bricht es aber nach fünf Jahren im ersten Semester ab. Sein seelisch-schwerer Stil und die Art und Weise, wie dilettantisch er seine Bilder entwirft und letztlich zu Papier bringt, brachte ihm den Titel 'Meister des fotounrealistischen Depressionismus' ein. Auf seine Zukunft angesprochen, berichtet Marvin F. in einem Interview im April 2017, dass er ein Studium an der Wikipedia-Akademie aufgenommen hat und hofft in ein paar Jahren erfolgreich mit dem Bachelor of Wiki abschließen zu können.

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