War, bin oder werd ich sicher sein?

Es ist der Morgen des Zwanzigsten Dezember 2016. Ich habe meine Pillen eingeworfen, der Kaffee steht neben mir und das iPad versucht*, die Mails der Nacht zu laden: Nichts, noch nicht einmal Spam!

Ich wechsle in die Facebook-App. Sofort springt mich ein Fenster an, dass ich wegen der Ereignisse am Breitscheidplatz den Facebook Safety Check machen soll und mich für sicher zu erklären habe. Spinnt dieser Zuckerberg und seine Vasallen? Und warum haben sich schon zig andere, sogenannte Freunde aus Berlin für sicher erklärt?

Mittlerweile läuft die Glotze und die Moderatoren des SAT 1-Frühstückfernsehens machen mit gesenkter Stimme auf betretene Mine. Irgendetwas ist geschehen, nur ist es an mir vorübergegangen. Und warum? Ich habe mir erlaubt die Nacht zum Schlafen zu nutzen und kann seit einiger Zeit wieder durchschlafen, weshalb ich zwischendurch weder das TV Gerät noch das iPad nebst sozialer Medien anschmeisse.

Allmählich schnalle ich, was am Abend zuvor geschehen ist. Mich ergreift Trauer, Wut aber auch das ungute Gefühl, in nächster Zeit die neuigkeitsorientierten Medien meiden zu müssen. Es geht schon am Morgen danach gut los: Jeder meint etwas Bedröppeltes absondern zu müssen, der in unmittelbarer Nähe der Gedächtniskirche gewesen war. Gemeint ist nicht nur an diesem unseeligen Abend. Selbst Spaziergänge Stunden, Tage oder Wochen vor dem Anschlag berechtigen sein Gesicht in die Kamera zu halten.

In Momente der Trauer neige ich zum Schweigen. Kein Wort kann das Ausdrücken, was den Schmerz über den Verlust tilgen kann. Stattdessen kommen die Besserwisser aus ihren Löchern gekrochen, kreiert die freiberufliche Bildchen-Industrie Mitleidsbekundungen und wettern die vermeidlichen Gutmenschen gegen unsensible Populisten. Die Ermittler bekleckern sich mit Ruhm, weshalb bessere Waffen und mehr Kameras zukünftig für Top-Sicherheit sorgen wird.

Wenn ich ehrlich bin: Mich überfordert der Aktionismus auf allen Seiten. Dieses Übermaß an Aufmerksamkeit bestärkt die Täter in ihrer Tat und hilft den Opfern kein Stück weiter. Lese ich dann die Kommentare in den sozialen Netzwerken, wie mit dem ersten Verdächtigen umzugehen ist, so scheint die Masse schnell im Wort und völlig von Sinnen zu sein. Doch keiner dieser Hohlkörper revidiert seine „Meinung“, erweist sich der Verdächtige als unverdächtig: Erst hängen, die Schuldfrage wird später geklärt. Nichts ist schlimmer, als noch mehr Märtyrer zu schaffen, weil die Gier nach Rache befriedigt werden muss.

Einen Tag lang wehre ich mich gegen den Facebook Safety Check. Das gilt genauso für die Meldung, wer sich aus Berlin sicher gemeldet hat. Stattdessen erkläre ich mich in der Unterüberschrift im Blog meines Ego Marvin für sicher. Was bedeutet, dass der Body auch sicher ist, ohne dem die Änderung ja nicht möglich wäre. Damit soll es genug sein und der Rest ist Schweigen in tiefer Trauer.

* Ich hasse die Benachrichtigungswut von iOS und Android. Ich bestimme, wann ich Lust habe elektronische Botschaften zu empfangen und zu lesen. Folglich rufe ich sie manuell ab. Seitdem verläuft mein Leben deutlich entspannter.

Kleiner Nachtrag
Am Abend des 20ten blendet der Sender Tele 5 vor seinem Hauptfilm eine schwarze Tafel mit dem schlicht weißen Schriftzug Wir gedenken der Opfer von Berlin (oder so ähnlich) ein. Trauer geht leiser und, wie ich finde, weitaus ausdrucksstärker!

Autor: Lichtbildprophet

Marvin F. ist Popstar, Großmeister und Genie des ‚Fotounrealistischen Depressionismus‘. Für seine kreativen Leistungen um das Lichtbild und Wort wurde ihm von der Kunst-Weltorganisation der Titel ‚Das Held‘ und ‚Lichtbildprophet‘ angetragen.

Weitere Informationen zur Person Marvin F. entnehmen Sie bitte seiner Vita.