Gedanken – Ein fiktives Interview (Eine Dekade später)

Fast zehn Jahre ist es her, dass ich ein fiktives Interview mit mir geführt habe. Eigentlich war es – für mich – im Geist verschollen. Doch das Internet vergisst nicht und so gelang es mir das Interview zu rekonstruieren. Auslöser dieser Nostalgiehandlung war eine groß angelegte Aufräumaktion, bei der mir ein Interview mit macnews.de in die Hände fiel. In ihm bezieht sich der Redakteur auf mein fiktives Interview. Zehn Jahre später, wie ging es weiter mit mir und was würde ich heute sagen? Viel Spaß beim Lesen …

Welche Gedanken gehen dir beim Lesen durch den Kopf?
Gute, überwiegend gute Gedanken. Es gibt keine Äußerung, über die ich mich heute schämen würde oder mich entschuldigen müsste, dass ich damals jung war und das Geld brauchte!

Deine Einstellungen haben sich also nicht oder nur wenig geändert?
Ich habe mich weiter entwickelt. Die Dinge, gute wie schlechte ebenso. Im Moment befinde ich mich in einer gewissen Orientierungslosigkeit. Sicherlich sind alte Feindbilder wie die Online-Gemeinschaften profilierungssüchtiger Fotografen und Modelle geblieben. Neue sind hinzugekommen. Insbesondere all jene, die die Schuld in anderen und nicht im eigenen Versagen sehen. Die Liste der Freunde wird immer kürzer. Jeder hat mit sich selbst sowie viel Belanglosem zu tun und ist nur noch zu oberflächlichen Taten bereit.

Das klingt eher nach Verbitterung?
Wahrscheinlich. Erfahrung klingt besser. Auf der anderen Seite: Ich liebe den schwarzen Humor der Engländer. Monty Python oder den Film Four Lions. Nichts muss eine Pointe haben, das Leben ist so wie es ist und genau deshalb ist es komisch, selbst wenn es um Tod, Leid und Schmerz geht. Ich mag Loriot, seinen beinahe schon bestechend nervigen Humor der treuen deutschen Seele. Marvin F. ist meine Art des Schwarzen Humors, pure Ironie und Sarkasmus dessen, was mir das Leben bisher geboten hat.

Die Mausmalerei gibt es in ihrer damaligen Form nicht mehr. Warum?
Es musste sein. Heute staune ich, dass ich nach den Ereignissen um 2006/2007 nicht alles eingerissen habe. Gut, es dauerte noch ein paar Jahre, ich konnte aber das Alte nicht mehr zelebrieren. Ihm wurde auf vielfältige Weise die Unschuld genommen. Ich habe danach unter meinem ‚echten‘ Namen weiter gemacht, doch sehr schnell gemerkt, dass ich mir damit einen Maulkorb verpasst habe. Der Mensch Ronald Puhle muss aus beruflichen Gründen und als Autor sachlich und fachlich korrekt sein. Der Künstler Ronald Puhle möchte aber Kraftausdrücke benutzen dürfen und Bilder zeigen, die nicht der political correctness entsprechen. Also musste auch mein Name einen virtuellen Tod sterben, damit der innere Zweispalt gefahrenfrei ausgelebt werden kann.

Es klingt so, als wäre die Gangart härter geworden!
Auf alle Fälle nicht leichter. Ich finde, dass der ausgelebte Egotrip immer perversere Züge annimmt: Nur weil eine Schlampe ein paar Brocken der französischen Sprache beherrscht bedeutet es noch lange nicht, dass sie die große Dame ist die sei meint zu spielen. Ein Ronald Puhle dürfte das so nicht sagen, ein Marvin Feinbub dagegen schon. Es gab in den zurückliegenden zehn Jahren Ereignisse, die für sich immer ein Umdenken erforderlich machten.

Was waren diese Ereignisse?
Prägend genug, dass ich die Fehlbarkeit und den Verfall zum inhaltlichen Gegenstand meiner Bilder mache. Und ich drei Geburt-Tage habe, aber nicht feiere. Das Leben kann man gerne durch eine rosarote Brille sehen, den Finger im Hintern spürst du trotzdem die ganze Zeit. Mehr möchte ich dazu nicht sagen!

Vor zehn Jahren war Kritik und Kritikfähigkeit ein Thema des Interviews. Wie schaut es heute damit aus?
Ich bin mit meinen Arbeiten und meiner Kunst soweit dem Mainstream entrückt, dass der Masse die Worte fehlen. Ausgenommen sind Arbeiten, die die Ausstrahlung der Frau zeigen. Die freizügige Ausstrahlung der Frau versteht sich. Da ist den Voyeuren die Machart egal. In den letzten zehn Jahren hat meine Vereinsamung immer mehr zugenommen. Dafür kann ich aber viel besser mit meinen Arbeiten leben und es gelingt mir, meine eigenen Gedanken zu beflügeln.

Ist deine Webseite nicht mehr die digitale Visitenkarte?
Frauen wollen heute schöner denn je erscheinen. Sie wollen sich ausschließlich über ihr Äußeres definieren und öffentlich eine Scheinwelt vorleben. Ist da Platz für jemanden wie mich, der nicht auf Teufel komm raus retuschiert? Der das Unvollkommene zum Gegenstand macht? Der keine Lobeshymnen auf die Eitelkeiten anstimmt? Die Webseite ist mein Egotrip, Sprachrohr und Sündenfall. Ich möchte mich nicht entmündigen lassen, ich muss das scheinheilige Regelwerk hinterfragen, weil sich mir mein Leben so darstellt.

Welche Rolle spielt heute 3D für dich?
Wir haben ein distanziertes Verhältnis. Beziehungsstatus kompliziert würde es in Facebook heißen. Gedanklich bin ich hin und wieder in Cinema 4D & C., 3D-Druck ist ein ganz heißes Thema. Mich beschäftigen zur Zeit ganz andere Dinge und ich fühle mich dann doch mehr zum fotografischen Bild hingezogen, weshalb das Thema 3D nur heiße Gedanken bleiben. Vorerst!

Sag etwas Positives!
Ich möchte mir keine Wünsche erfüllen. Das bringt nichts. In den letzten zehn Jahren hatte ich wohl zweimal verdammt viel Glück. Dieses Glück sollte man – also auch ich – nicht überstrapazieren. Ich bin da, damit muss ich aber auch leben. Mir geht es nur noch um Zufriedenheit. Daran arbeite ich, möglichst oft und intensiv an diesen Zustand heranzukommen.

Wie lautet heute dein Schlusswort?
Wissen ist nicht Wikipedia! Das wäre zu leicht, wenn so Wissen ginge. Wissen ist Erfahrung und dafür braucht es Zeit! Nehmt sie euch beide.

Autor: Marvin F.

Marvin F. wuchs als Einzelkind in der Mitte eines Landes auf, dass es heute nicht mehr gibt. Er war Sonderschüler an der Waldorfschule und hat im Singen und Klatschen ein Sehr Gut ertanzt. Derart gut vorbereitet für das weitere Leben fühlt sich Marvin F. absolut berufen und wird Künstler. Zwar beginnt er ein Kunst- und Philosophiestudium, bricht es aber nach fünf Jahren im ersten Semester. Sein seelisch-schwerer Stil und die Art und Weise, wie dilettantisch er seine Bilder entwirft und letztlich zu Papier bringt, brachte ihm den Titel 'Meister des fotounrealistischen Depressionismus' ein.

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