Flower Eugenushka’s Salutti!

Hey da meine ehrfürchtige Pen-Freundin, du kannst mich Eugenia nennen. Wie geht es Ihnen? Ich möchte mit Ihnen kommunizieren. Ich mag dich sehr und ich will dich mehr kennen. Weil ich dir einen netten Kerl habe. Ich habe mein Bild beigefügt. Ich bin 33 Jahre alt. Ok, ich werde nicht viel erzählen, denn vielleicht bist du nicht wie ich. Aber wenn du mich interessierst, dann antworte mir Einen Moment kenne ich viele Jungs nicht ernst online. Also will ich nur freien, ernsthaften und adäquaten Kerl finden. Ich hoffe du suchst auch nur ernsthafte Kommunikation. Ich werde auf deine Nachricht warten. Eugenchika

Ich mag keine Online-Communities. Generell meine ich und ohne irgendein Spezialgebiet auszuschließen. Weder die Spezialisten für Fotografie, für das Leben mit dem Mac, als Lebenshilfe für manisch depressive Künstler oder was auch immer. Das Thema kann noch so speziell sein, letztendlich ist es eine Massenbewegung und somit nichts individuelles. Ich bin individuell.

Internet macht einsam! So sagt es zumindest der Volksmund. Der Meinung bin ich nicht. Internet forciert Massenkompatibilität, ist eine Konsumform mit Suchtcharakter.

Ich habe ein Problem, suche im Internet. Google, weil mein Browser es mir so sagt!

Die mir dargereichte Lösung besteht zuerst im Konsum. Problemlösung via Ebay, Amazon oder irgendein anderer Online-Shop. Es folgt das, was “gefragt” ist. Festgelegt hat das der Betreiber der Suchmaschine. Sein Ranking. Heerscharen von selbsternannten Jüngern sind damit beschäftigt, ganz weit vorn zu landen. Die Lösung meines Problems finde ich nicht.

Auf Seite 3 oder 7 dann ein erster Ansatz. Ein Diskussionsbeitrag aus dem Forum einer Online-Fotografengemeinschaft. Der Verfasser scheint sich gut auszukennen. Macht jedenfalls den Eindruck. Vorsorglich schaue ich mir seine fotografischen Arbeiten an. Der Seitenblick soll mir verraten, ob er die Kamera benutzt, die mein Problem betrifft. Ernüchterung!

Zurück zum Diskussionsbeitrag.

“Die Kamera ist ein Nachbau von …”.

Falsch mein Freund. Es mag äußerlich so sein, aber im Inneren ist doch einiges ganz anders. Besonders an der Stelle, wo mein Problem auftritt. Was hat den “Meister” dazu bewogen, solch eine Latrinenparole öffentlich und scheinbar unwissend rauszuhauen?

Vor Verzweiflung wälze ich einen alten gedruckten Schinken. Der haut denselben verbalen Dünnpfiff raus. An den Bildbeispielen ist zu erkennen, dass dem Autor offenbar nie eine Kamera meines Typus zur Verfügung stand. Warum schweigt er dann nicht? Zielgruppe, denn äußerlich sieht es ja so aus als ob. Doch auf die inneren Werte kommt es bekanntlich an. Die sind definitiv anders.

Zurück an den Rechner und einen Blick in das Bildarchiv der Fotografengemeinschaft geworfen. Schnell wird mir klar, warum ich solche Ansammlungen nicht mag. Masse und Perfektionswahn bilden eine unzertrennbare Einheit. Kommt eine im Bild abgebildete Frau ins Spiel, potenziert sich der Fokus mit der gezeigten Nacktheit. Es ist natürlich die Ausstrahlung und der faszinierende Blick. Mir wird schlecht!

Model und Fotograf sind in der gleichen Online-Community vertreten. Dem Modell liegen die Kommentatoren zu Füßen. Der Fotograf muss sich mit deutlich weniger begnügen, Kommentare und Bildaufrufe. Ihm fehlt eben die Ausstrahlung in Form zweier Busen und einer gut sichtbaren Muschi.

Das Phänomen ist mir nicht ganz unbekannt. Gelegentlich knipse ich im Bereich Fetisch, Bondage, Subs und ihre Herrin. Das entspricht zwar nicht meinen eigenen Neigungen, ist aber eine willkommene Abwechslung. Bin halt neugierig und nicht auf ein Gebiet festgelegt.

“Meld dich in der Sklavenzentrale.com an! Verschenktes Talent. Die Leute rennen dir die Bude ein. Da findest Du neue Modelle …”.

Ich tat es, doch der Zulauf blieb aus. Während die Modelle ihren Zuspruch erhielten, meine Bildchen es sogar auf die Seite 1 schafften, wurde ich in den Hintergrund verbannt. Trotz des freundlichen Hinweises, dass ich ebenfalls in der SZ vertreten bin. Mir fehlen eben die unschlagbaren Argumente der gewissen Ausstrahlung. Es interessiert kein Schwein, wer die Fotos gemacht hat. Vielmehr ist das offenbar willige Luder vor der Kamera gefragt, auch wenn es real nicht so willig wie dargestellt ist. Es ist die Fantasie, die mit dem Betrachter durchgeht. Absolut verständlich!

Communities sind Massenansammlungen. Ich habe keine Zeit und keine Lust mich stundenlang darin zu baden für Kommentare wie “Toller Blick und Ausstrahlung”, “Das Bild gefällt mir” oder “Oh, du bist ja ne ganz Liebe!”. Ich lasse mich gerne Bauchpinseln, aber bitte mit etwas mehr Niveau.

Mit jeder neuen Aufnahme vollziehe ich einen Spagat. Ich mache das Foto nach meinem Gusto und denke noch nicht einmal sekundär daran, ob es dem oder der Gezeigten gefällt. Vielmehr lasse ich mich von Stimmungen leiten, die mich letztendlich zum Auslösen inspirieren. Natürlich laufe ich Gefahr, dass das Ergebnis auf Widerstand und Ablehnung stösst. Zur Beruhigung versuche ich zu erklären, weshalb ich es so tat.

Ich lasse mich nicht davon leiten, was angesagt ist. Mein ganz persönlicher Fehler! Was ist überhaupt angesagt? Bestimmt das nicht die Masse? So oder so habe ich verloren. Schwimme ich mit dem Strom, bin ich einer von vielen und gehe mit ihm unter. Kämpfe ich dagegen an, will es keiner sehen.

Auf der anderen Seite finden die Ergebnisse einen gewissen Zuspruch, nur fehlt mir eben die besagte Ausstrahlung.

Ich melde mich in der SZ, ich melde mich in allen Online-Communities ab. Da gehöre ich nach meinem Verständnis einfach nicht hin. Wenn ich Zeit und Geld in ein Hobby investiere, dann soll es in erster Linie mir etwas bringen. Ersatzbefriedigung und Seelenbalsam. Wenn sich Freiwillige finden, die ebenfalls daran teilhaben wollen, bin ich noch mehr zufrieden und oben eins drauf beglückt.

Ganz ohne äußerem Feedback geht es auch für mich nicht. Mein öffentliches Tagebuch ist so ein Gradmesser. Jeden Tag werfe ich einen Blick in die Statistik. Zugriffe, Seitenaufrufe und Co.. Es ist kaum etwas von einem Sommerloch zu spüren. Dann und wann ein Kommentar. Da sind dann noch die Leute, die einen virtuell folgen und wo man sich irgendwann mal real begegnet.

Ich lebe meinen eigenen Stiefel und tobe ihn im Internet aus. Exhibitionismus und Selbstdarstellung als Ein-Mann-Show. Zufällig findet das Ganze Zuspruch, inklusive gedämpftem Applaus.

Mein Problem, dass mich eigentlich ins Internet trieb, ist fast vergessen. Die Datenkrake verführt mich. Ein Link, unpassend zur ursprünglichen Suchphrase und dennoch interessant. Zwei Dumme, ein Gedanke und den Frust in einem Blog-Beitrag niedergeschrieben. Ich fühle mich plötzlich nicht mehr allein und trotzdem nicht von der Masse vereinnahmt.

Jetzt habe ich über das Philosophieren der unsozialen Vernetzung im Internet die Pen-Freund Eugenia vergessen. Ist auch nicht so wild.

Autor: Lichtbildprophet

Lichtbildprophet.de ist ein Mix aus verbalen Größenwahn und fotografischen Depressionismus, eine persönliche letzte Schlacht des Marvin F. gegen den Herdentrieb, die Massenverdummung und den Einheitsgeschmack unserer Zeit. Lichtbildpoet.de interpretiert historische Negative auf Glas und Zelluloid neu. Mehr Informationen finden Sie auf Flackerlight.de, dem Offenen Atelier in Berlin-Marzahn.