Die Geschichte des A’lfi Hartkor

oder … Wie Graf Schaf auszog, das genüssliche Fressen für sich wieder zu entdecken! *

Nachdem A’lfi, auch Graf Schaf genannt, den Kinderschuhen entwachsen war und fortan auf seinen eigenen vier Beinen zu stehen hatte, beschloss der vierbeinige Blaublüter sich der Herde „Das genüsslich fressende Schaf“ anzuschließen. Wie es alle Schafe dieser Gemeinde taten, kaufte sich A’lfi bei einem anderen Schaf ein gebrauchtes, aber dennoch gut funktionierendes Gebiss. Und so stand A’lfi in Mitten aller anderen Schafe, ein zusätzliches Gebiss in seinem Maul und erfreute sich am genüsslichen Fressen.

Einmal in der Woche kam der Schäfer vorbei und präsentierte der stetig wachsenden Herde neue Gebisse. Jedes mal gab es neue Beiss- und Kau-Feature zu bestaunen. Nach Aussage des Schäfers braucht A’lfi sie unbedingt, um überhaupt erst genussvoll fressen zu können. Dann war da noch Peer, der Hütehund des Schäfers. Peer ist zwar wie A’lfi ein Vierbeiner, doch er versteht es die Wünsche seines Herren mit allen Mitteln zu erfüllen. A’lfi fühlt sich dadurch so unter Druck gesetzt, dass er wie jedes andere Schaf Woche für Woche ein neues Gebiss beim Schäfer kauft.

A’lfi ärgerte sich über den suggerierten Zwang, seine wertvolle Schafwolle für ein neues Gebiss herzugeben. Sein Fell kann nicht so schnell wachsen, wie es der Schäfer und sein Hütehund gerne hätten. Eigentlich sollte es A’lfi besser wissen. Damals, in seiner Lammherde „Hartkor“ hatte er das genüssliche Fressen auch ohne neumodisches Zweitgebiss und mit seinen eigenen Zähnen gelernt. Mehr und mehr besann sich A’lfi darauf und begann am Schäfer zu zweifeln.

Obwohl die Herde der genüsslich fressenden Schafe vom Schäfer alle mit demselben Gebiss ausgestattet wurden, gab es dennoch unterschiedliche Kautechniken. So gab es die Horden der links- und rechtskauenden Schafe. Doch die meisten Schafe vertrauten auf die mahnenden Worte des Schäfers: „Ihr müsst in der Mitte euer Gras kauen. Nur dann könnt ihr immer und überall das Gras fressen und habt immer denselben Genuss. Dafür haben wir euch doch auch das neue Gebiss entwickelt.“

Eines Tages stand A’lfi plötzlich abseits der Herde hinter einem Hügel. Er schwelgte in Erinnerungen, als das Gras auf der Wiese seiner Hartkor-Herde irgendwie anders schmeckte. A’lfi nahm sein Gebiss heraus und zupfte vorsichtig mit den eigenen Zähnen am Grün. Er probierte es erst rechts, dann links und zum Schluss in der Mitte seines Mauls zu kauen. Obwohl das Gras am Hügel ihm nicht wirklich schmeckte, fühlte sich A’lfi ermutigt mehr auszuprobieren. Er ging an den Bach, der leise säuselnd vor sich hin plätscherte und versuchte es auf dieselbe Weise. Schnell merkte A’lfi, dass das saftige Gras hier ganz anders schmeckt. Er setzte sein Gebiss ein und hatte prompt jenen faden Geschmack in seinem Maul, dem A’lfi mittlerweile überdrüssig war.

Derart angestachelt trottete A’lfi zur großen Sandkuhle. Hier weiden die großen Schafe der genüsslich fressenden Herde. A’lfi ist mutig, nimmt wieder sein Gebiss heraus und probiert es nach allen Regeln der Kunst. Irgendwie schmeckt das Gras hier bitter und ist für ihn auf Dauer ungeniessbar. Nebenbei hörte er den Anführern der links-, rechts- und mittekauenden Schafe zu. Was sie ihren Anhängern zu erzählen haben scheint A’lfi unter den neuen Eindrücken stellenweise falsch zu sein. Woher sollten es die Leitschafe auch anders wissen? Sie klebten förmlich an den Lippen des Schäfers und halten die Beschreibung zu ihrem neuen Gebiss wie der Pastor seine Bibel in den Klauen. Beide, der Schäfer und sein Hütehund, haben offensichtlich ganze Arbeit geleistet.

A’lfi trabt zum Hügel, stellt sich auf den höchsten Punkt und wendet sich der Herde zu. Er nimmt seinen ganzen Mut zusammen und fragt kleinlaut: „Warum muss ich jede Woche ein neues Gebiss beim Schäfer kaufen?“. Zunächst hörten nur wenige Schafe jene Frage, die noch kein Schaf laut gestellt hat. „Damit du immer und überall genussvoll fressen kannst“ murmelten ihm einige Schafe zu, ohne dabei vom Kauen abzulassen. „Aber wozu brauche ich ein zusätzliches Gebiss, wenn ich doch eigene Zähne habe?“ Ein Murren ging durch die Herde, das auch die Rädelsführer der Kau-Fraktionen erreicht. „Hör mal zu Kleiner. Wie möchtest du genussvoll Fressen, wenn dir die Hilfe des Gebisses fehlt? Das geht doch gar nicht! Das Gebiss macht alles so einfach und du kannst überall alles Fressen. Es funktioniert! Du musst es nur probieren und daran glauben.“

Genau das ist A’lfis Problem. Er erzählt den Schafen, dass das Gras ohne Gebiss ganz anders schmeckt: „Es gibt unten am Fluss saftiges Gras. Das schmeckt etwas süsslich und ich könnte mich tagelang daran satt fressen.“ Nach diesen Worten wird A’lfi von den Anführen umringt. Sie schauen ihn böse an und die jeweiligen Anhänger hinter ihnen blöken wild auf ihn ein. „Warum möchtest du etwas anderes schmecken, wenn wir alle dasselbe geniessen wollen? Schau dir das neuste Gebiss des Schäfers an. Während du frisst und dein Gras in Ruhe geniesst lächelst du dabei. Geht das auch ohne Gebiss? Garantiert nicht! Hör also auf darüber nachzudenken, friss und lächle dabei, wie es der Schäfer und Peer wollen.“

Obwohl immer mehr Unruhe in die Herde einzieht und die Anführer grimmig auf A’lfi dreinschauen, erwiderte er: „Naja, es ist schwierig leckeres Gras zu fressen und dabei zu lächeln. Aber man kann es mit etwas Übung lernen. Außerdem möchte ich auch unterschiedlich Lächeln können. Schaut mal in den Wassertrog. Seht ihr nicht: Ihr lächelt alle gleich.“ Das Rumoren in der Herde steigert sich. Einige Schafe schauen nachdenklich in die Tränke, während andere ihre Schafwolle auf die doppelte Größe aufplustern.

Die Atmosphäre heizt sich immer weiter auf. Dennoch lässt sich A’lfi nicht beirren: „Wenn mich meine geliebte Schaf-Frau wegen einem anderen Schaf-Mann verlässt, dann möchte ich das bittere Gras da hinten am Sandloch fressen. Ich möge genau diesen feinen Geschmack in meinem Maul verspüren, der meine Wunden heilt. Und wenn ich wieder Liebe und neuen Mut in mir spüre, dann soll es eben das saftige Gras unten am Fluss sein. Nur das ist für mich genussvolles Grasfressen und nichts anderes!“

„Ich habe auch schonmal das Gebiss des Schäfers herausgenommen und probiert, Gras mit meinen eigenen Zähnen zu fressen“ hörte A’lfi vom Ende der Schafherde. Ihm fiel ein Stein vom Herzen, nicht der einzige gewesen zu sein, der den Versuch unternommen hat. „Ich mag ja lieber das Gras hier am Hügel“ setzte das für A’lfi unbekannte Schaf nach. „Das ist gut so, Schaf. Nicht jedem muss dasselbe Gras schmecken. Es gibt bestimmt noch viele andere Geschmacksrichtungen, die es für mich und für dich zu entdecken gilt“ sagt A’lfi.

Die Anführer der gebisstragenden links-, rechts- und mittekauenden Schafe sehen allmählich ihre Schafwolle dahinschmelzen. Mit lautem Geblöke versuchen sie ihre Anhänger auf sich einzuschwören. Doch immer mehr Schafe bekennen sich, keinen Sinn darin zu sehen, jede Woche ihr Fell für ein neues Gebiss des Schäfers herzugeben. A’lfi fühlte sich von einer Last befreit: Er hat seiner inneren Stimme vertraut und die Gedanken laut ausgesprochen. Auch wenn nicht alle Schafe seiner Meinung sind, so haben seine Worte andere Mitglieder seiner genüsslich fressenden Herde aufgeweckt und zum Nachdenken bewogen.

Wie jeden Tag sammeln sich auch heute ein paar Schafe um die Wortführer der links-, rechts- und mittekauenden Gebiss-Schafe. Doch dazwischen sieht man immer wieder Schafe, die gemütlich über die Weide laufen und genüsslich ihr Lieblingsgras fressen. Es versteht sich von selbst: Natürlich ohne das neuste Gebiss des Schäfers und seinem Hütehund Peer. Befreit vom Zwang jede Woche ihre Schafwolle opfern zu müssen, haben sie stattlich an Figur gewonnen. Laufen sich die Abtrünnigen einmal über den Weg, unterhalten sie sich über ihre besten Weideplätze, wünschen sich anschließend einen guten Tag und ziehen zufrieden weiter.

Wenn A’lfi & Co. alt sind bleibt zu hoffen, dass der Schäfer trotz der abtrünnigen Schafe irgendwann ein einfaches Gebiss entwickelt, das lediglich dem Zermalmen der Grashalme dient und die innovationsmüden Schafe auch weiterhin einfach nur ihr geliebtes Mahl geniessen können. Und wenn A’lfi Hartkor nicht gestorben ist, dann zieht er noch heute auf der Suche nach dem leckersten Gras über die Weide, schaut gelegentlich beim Schäfer und seinem Hütehund Peer vorbei und hofft, dass seine eigenen Zähne noch möglichst lange halten.

Alle hier genannten Schafe, Rädelsführer, Schäfer und Hütehunde sind frei erfunden! Jede Ähnlichkeiten zu lebenden oder verstorbenen Schafen sind rein zufällig und völlig unbeabsichtigt!

* Diese an eine Fabel angelehnte Geschichte entstand vor ein paar Jahren und war der verbale Versuch, sich aus dem Zweckbündnis Kameraindustrie – Softwarehersteller – PR-Abteilungen – Foto-Fachzeitschriften – Online-Fotografiegemeinden zu lösen. Es ist gelungen und der Große Fotografische Komplex hat einige prominente Opfer zu beklagen. Technik bedeutet eben nicht unbedingt Fortschritt. Seine Seele verkaufen ist der falsche Weg für mehr Glaubwürdigkeit. Und über die visuellen Ausfälle in den Foto-Gemeinschaften, darüber schweige ich lieber! Es gibt zu viele Blinde und Zeitgenossen mit betäubten Geschmacksnerven, die den Massenvergewaltigungen menschlicher Kreativität ohne Nachzudenken zu jubeln.

Autor: Lichtbildprophet

Marvin F. ist Popstar, Großmeister und Genie des ‚Fotounrealistischen Depressionismus‘. Für seine kreativen Leistungen um das Lichtbild und Wort wurde ihm von der Kunst-Weltorganisation der Titel ‚Das Held‘ und ‚Lichtbildprophet‘ angetragen.

Weitere Informationen zur Person Marvin F. entnehmen Sie bitte seiner Vita.