Das Held

In den letzten Monaten bestand ein kleiner Teil meines Lebens darin, zwecks Freizeitgestaltung die volle Palette des Kabel TV-Angebots auszuschöpfen. Von Hartz IV-TV über Shopping bis hin zu Dokumentationen wird vieles und doch irgendwie nichts geboten. Wenn mir relativ schnell etwas aufgefallen ist, dann die Wiederholrate, mit der TV-Sender von Öffentlichrechtlich bis Privat arbeiten.

Und noch etwas hat mir relativ schnell den genussvollen Genuss versalzen: Scripted reality! Derzeit scheint dem deutschen Volke der Sinn nach Sicherheit und Abstrafung alles Bösen zu stehen. Jedenfalls jagen bei den großen Privaten Polizisten kleine wie große Verbrecher, schlichten jede Art von Streitigkeiten oder reinigen die Straßen von besoffenem asozialen Grobzeug. Ein Teil davon landet in der nächsten Sendung im Gerichtssaal und wird mediengerecht in die Schranken unserer Gesellschaft gewiesen.

Ein Merkmal von scripted reality scheint der gepflegte Umgangston zu sein. Es wird gepöbelt und geblökt, deutsche Sprache gebeugt und vergewaltigt, so als stünde morgen das Ende der Welt bevor. Da muss man nicht mehr auf Feinheiten wie Rechtschreibung, Satzbau und solch Zeugs achten. Wenn dieses Verhalten dann auch noch wie eine Blaupause auf das normale Leben überdrückt, dann ist es eben egal ob Der Held zu Das Held verbal degradiert wird.

Erst nach und nach stelle ich fest, dass scripted reality weitaus verbreiterter ist als ich jemals angenommen habe. Eigentlich alles, was mir vorgaukelt mitten aus dem Leben zu berichten, ist vorgetäuschte Realität. Zuerkennen ist der Schwindel an sich stets wiederholenden Mustern und dem permanenten Erfolg der Protagonisten. Persönlich habe ich den Eindruck gewonnen, dass sich die Macher immer weniger Mühe geben, den Betrug am Zuschauer zu vertuschen. Entweder soll der Zuschauer selbst erkennen, dass das Gezeigte nur vorgetäuscht ist. Oder man hält ihn, den Zuschauer, für so blöd, dass er nicht in der Lage ist wahrzunehmen, wie er mit minimalem Aufwand an Mensch und Material verarscht wird.

Ich erinnere mich an Diskussionen, ob es nun der, die oder das Blog heißen muss. Was für eine sinnfreie Diskussion. Das deutsche TV lebt vor, wie frei Sprache sein kann und sein soll. Scheiß auf jede Sprachreform, tut stattdessen lieber so, als seid ihr frisch dem Bade aus Halbtürkisch-Denglisch entstiegen. Ganze Sätze, scheiß drauf. Musst du dich denken, Alta.

Schreit euch an, damit ihr wahrgenommen werdet. Und achtet auf den Spannungsbogen: Großes Drama und sei es um den lauesten Furz, den ganz Deutschland, die ganze Natur oder das Weltall aufzubieten hat. Und wenn euch die Ideen ausgeht, nehmt eine Pummelfee und dichtet ihr die gefährliche Sprühsahne-Sucht an. Nehmt eine Hackfresse und gedeiht ihr auch in den nächsten zehn Jahren einen Lebensabschnittspartner an.

Autor: Lichtbildprophet

Marvin F. ist Popstar, Großmeister und Genie des ‚Fotounrealistischen Depressionismus‘. Für seine kreativen Leistungen um das Lichtbild und Wort wurde ihm von der Kunst-Weltorganisation der Titel ‚Das Held‘ und ‚Lichtbildprophet‘ angetragen.

Weitere Informationen zur Person Marvin F. entnehmen Sie bitte seiner Vita.