Alte Pfade – Weißensee

Zum Wesen des Menschen gehört es wohl ein Feindbild zu besitzen und es immer dann benutzen zu müssen, geht es dem Menschen vermeintlich schlecht. Die Geschichte hat mehrfach gezeigt, dass kein Volk, keine Gruppe oder Gemeinschaft von diesem offensichtlichen Instinkt des Menschen ausgenommen ist. Man könnte meinen, mit den bisher – vor allem schlechten – gemachten Erfahrungen müsste der – viel beschworene – menschliche Verstand einsetzen und ein Ende der Spirale möglich sein. Weit gefehlt: Es genügt der kleinste Anlass und man erinnert sich allzu gern alter Klischees und bedient sich derer.

Lass es ein oder zwei Kilometer weg sein. Ausgangspunkt ist das Kino Toni, Antonplatz, Weißensee, Berlin – Pankow. Gedanklich fällt es mir schwer Weißensee als einen Ortsteil und nicht mehr als ein Bezirk Berlins zu sehen. Es war halt ein politisches Ding, das 2001 aus Pankow, Prenzlauer Berg und Weißensee den Bezirk Berlin-Pankow gemacht hat. Für die, die von der ‚Order von oben‘ direkt betroffen waren – gemeint sind nicht die anordnenden Politiker selbst – war es bestimmt keine Liebeshochzeit. Egal, es sollte ganz viel gespart und für den Bürger alles besser werden. Was bestimmt – laut Politikerideologie – auch so eingetreten ist, oder – nach Wutbürgermeinung – auch nicht!

Viele Jahre habe ich die alte Heimat selten bis gar nicht besucht. Ich bin eher an ihr vorbeichauffiert. Das Kino Toni sah ich mehr im Fernsehen als in der Realität. Geht es in Dokumentationen um die Einnahme Berlins durch die Rote Armee, dann kommt meist Weißensee ins Spiel und wird ein Kameraschwenk über den Antonplatz gezeigt. Erinnerungen werden wach. Nicht an die Kriegszeit, die habe ich – man muss Glück im Leben haben – um mehr als zwanzig Jahre verpasst. Langhansstraße oder Max-Steinke-Straße. Letztgenannte war die offizielle Anschrift des Kino Toni und der darüber liegenden Wohnungen. Behaimstraße: Meine Schule, von der ersten bis zur zehnten Klasse.

Weißensee war für mich schon damals etwas Besonderes. Auch wenn ich keine Ahnung davon habe: Allein die Architektur ist anders als in anderen Bezirken Ost-Berlins. Roter Backstein, ich liebe roten Backstein. Der Mirbachplatz und die – evangelische – Bethanienkirche in Weißensee ist so etwas wie der Fernsehturm für ganz Berlin: Ein Weißenseer Orientierungspunkt! Der Kirchturm ein paar Luftmeter weiter weg gehört zur Kirche der katholischen St. Josef-Gemeinde. Daneben liegt meine – staatliche – Schule (4. Polytechnische Oberschule). Staat und Kirche dicht nebeneinander, Berlin-Weißensee eben.

Letztes Jahr nahm ich meinen alten Bezirk (Kiez) wieder etwas näher wahr. Zwischenzeitlich hatte ich schon mitbekommen, dass längst die ehemalige Grünfläche links neben dem Kino Toni bebaut ist und der Straßenverlauf am Antonplatz einen anderen Weg nimmt. Der Taxi-Stand vor dem Kino gehört der Vergangenheit an: Ich bin auf dem Weg in eine Chirurgische Praxis, in der mir der Port für die Chemotherapie eingesetzt werden soll. Was heute alles ambulant operiert werden kann; es ist der Wahnsinn. Ich nehme mir vor: Wenn die Sache mit Sauron* vorbei ist, dann möchte ich meine alte Heimat mit der Kamera durchstreifen und werde mich versuchen an meine Kindheit zu erinnern!

Ein Jahr später sieht es so aus, dass sieben lange Monate gut investiert sind. PET/CT und Blutbilder sind laut Onkologe TOP und er möchte mich erst Ende des Jahres wiedersehen. Ich nehme ein paar Resturlaubstage des letzten Jahres und erfülle meinen Vorsatz. Da sind die Gedanken an das alte Wohn-, Schul- und Freizeitumfeld. Mir ist klar, dass sich einiges geändert hat. Viele Baulücken sind geschlossen, Häuser renoviert und Hinterhoffirmen längst geschlossen. Ich denke eher an etwas Anderes. Es geht um eine Stätte, von deren Existenz ich erst sehr spät, in der Jugend erfuhr. Es geht – für mich – um Geschichte, Wissen über meinen atheistischen Tellerrand hinaus. Es geht um den Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee.

Es hört sich wie eine Ausrede an: Den Gedanken, diesen Friedhof zu besuchen, habe ich schon länger und bisher scheiterte es an einer Kopfbedeckung. Durch den Haarausfall während der Chemo habe ich mir zwei Schiebermützen zugelegt, eine Sommer- und eine Wintervariante. Das ich keine Berührungsängste mit Friedhöfen habe, dafür sprechen einige Aufnahmen aus meinem Archiv. Es hat bis heute nicht gepasst. Nun soll es aber sein.

Ich mache mir Gedanken zur deutschen Vergangenheit und dem – deutschen – Umgang mit der jüdischen Religion. Ich mache mir meine Gedanken zum jüdischen Glauben, einem Staat und seine Religion. Aber auch um Palästina. Mit diesem Gedankenwirrwarr betrete ich einen Ort, der nach dem jüdischen Glauben immer für den Toten bestimmt bleibt. Ich habe Bilder vom Jüdischen Friedhof in Jerusalem im Kopf. Liegende Tafeln, Sonne und Kargheit, kleine Steine als Gruß der Lebenden. Bilder vom Friedhof hier in Weißensee sprechen eine andere Sprache: Beinahe pompöse Gräber und portalartige Grabsteine, tempelartige Gebäude. Es gibt Unterschiede, soviel ist mir klar.

Vorsichtig taste ich mich schrittweise vor. Im Eingang eine Gedenkstelle für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. Rund herum Gebäude im gelben Backstein. Wie eine schützende Wand stellen sie sich vor die Grabfelder dahinter. Ich erkenne Geometrien, Reihen, Strahlenform. Mein Blick kann stellenweise weit gehen. Mich beeindruckt diese Organisation, die innere Dichte und Kompaktheit der Gräber eines Feldes. Ich lese von geschändeten Thorarollen.

Was mir beim Anblick der Bilder vom Jerusalemer jüdischen Friedhof nicht in den Sinn kam, schlägt hier eine Brücke zur Holocaust-Mahnmal in der Mitte Berlins. Natürlich liegt die Assoziation zu den Grabplatten a la Jerusalem nahe, doch sind die Stelen im Holocaust-Mahnmal auch Übermanns hoch. Sie können den Besucher nahezu verschlingen. Und irgendwie habe ich hier, auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee, den Eindruck, friedvoll und willkommen verschlungen zu werden. Wir, die Toten und ich, genießen die Großstadt untypische Ruhe und die wärmende Sonne durch die Blätter der vielen Bäume. Ich hole meine Kamera heraus, lege einen Film ein und möchte schon bei meinem ersten Besuch ein paar Bilder machen.

Alte Pfade – Ein Grabfeld – Jüdischer Friedhof Berlin-Weißensee
Nr. 0899
Unikat: Bei Kaufinteresse Größe und Medium bitte erfragen
(c) 2017 Marvin Feinbub

Um mich herum ist viel Grün. In den Grabstellen ist viel Grün. Keine preußische Ordnung im dem Sinne, dass der Stein fest zu stehen hat und vom Geranke zu befreien ist. Stattdessen bildet jede Stele, jeder Grabstein mit der Natur eine Einheit. Verbundenheit zur Natur, deren Bedeutung zeigt sich mir hier. Was ich sehe, höre und rieche hat etwas Magisches an sich. Es stellt sich eine innere Verbindung her, ausgerechnet hier an diesem Ort, dessen Existenz – trotz unmittelbarer Nachbarschaft – lange verborgen blieb.

Ich möchte mehr über diesen Friedhof wissen, über das B.Wp.**-Wissen hinaus. So lande ich auf der Webseite des Förderverein ‚Jüdischer Friedhof Berlin-Weißensee‘ und Britta Wauers Dokumentarfilm ‚Im Himmel, unter der Erde‘. Das Buch zum Film und der Film, der den PanoramaPublikumsPreis – Dokumentarfilm der 61. Berlinale bekommen hat, liegen ein paar Tage später auf meinem Tisch. Inhalte und mein Erlebtes mischen sich: Hielt ich mich im respektvollen Abstand zu den Grabstellen, geht die Jugend nahezu unbekümmert damit um. Ich weiss, fotografisch wird mich dieser Friedhof eine Weile begleiten.

Bewusst habe ich bei meinem ‚Weißensee-Trip nach Jahren‘ auf Farbaufnahmen verzichtet. Es geht um Erinnerungen, eine andere Zeit. An einiges kann ich mich erinnern, an anderes eben nicht. Dafür tauchen plötzlich Namen auf. Eine kurze Recherche und sie entpuppen sich als Treffer. Erstaunlich was mein Hirn – beinahe unkontrolliert – da alles freigibt. Ich blende schlechte Dinge aus: Das Elternhaus und die Sache mit dem Port. Alles ist eine Art der vielschichtigen Verklärung, meine Art der Verklärung. Und das muss sich in der Art der Ausarbeitung in den Weißensee-Bildern widerspiegeln.

* Sauron ist der ‚Kosename‘ für das bei mir diagnostizierte Hodgkin-Lymphom.
** Bachelor of Wikipedia

Autor: Lichtbildprophet

Marvin F. ist Popstar, Großmeister und Genie des 'Fotounrealistischen Depressionismus'. Für seine kreativen Leistungen um das Lichtbild und Wort wurde ihm von der Kunst-Weltorganisation der Titel 'Das Held' und 'Lichtbildprophet' angetragen. Weitere Informationen zur Person Marvin F. entnehmen Sie bitte seiner Vita.